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Mut zur Sentimentalit├Ąt

Wir machen noch einmal eine Reise in die Vergangenheit und schreiben das Jahr 1955. Wieder ein Fund auf dem Dachboden ­čÖé

Der Text passt heute noch genauso wunderbar wie vor 65 Jahren. Und zeigt auch, dass, trotz Fortschritt, manches einfach immer wichtig bleiben wird. Ich hoffe, Du findest die Stellen, die gerade zu Dir und Deinem Leben passen.

Mir ist ├╝brigens erst vor ein paar Tagen folgende Lebensweisheit ├╝ber die F├╝├če gelaufen: „Wenn Du es nicht mit Gef├╝hl tuen kannst, tu es nicht!“

Hier kommt f├╝r Dich der Artikel aus der Vergangenheit. Der Tipp am Ende ist genau der, der uns heute noch auf allen Wegen begegnet. Es muss also wirklich was dran sein ­čśë

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Mut zur Sentimentalit├Ąt  – Ausz├╝ge aus der Monatsschrift Guideposts aus dem Jahr 1955 – von Ardis Whitman

Der englische Schriftsteller G.K. Chesterton hat einmal gesagt, die armseligste Angst sei die Angst vor der Sentimentalit├Ąt. Wie oft raubt sie dem Leben das, was es beseelt erhebt!

Aus Furcht, unsere Mitmenschen k├Ânnten uns f├╝r „weichlich“ halten, verbergen wir zartere Gef├╝hle unter dem Mantel der weltklugen Illusionslosigkeit. Wir sagen „Danke“ wenn wir „Gott segne Dich“ meinen, und „Auf bald“, wenn wir eigentlich sagen wollen: „Ich bin so einsam ohne Dich“. Die Angst vor Gef├╝hlsduselei l├Ąsst allzu viele von uns auch das echte, tiefe Gef├╝hl verachten, und wir bleiben dann auch da an der Oberfl├Ąche, wo wir aus dem Herzen sprechen und mit dem Herzen handeln wollen.

Wer kennt sie nicht, die Augenblicke, da uns warme und liebevolle Worte ├╝ber die Lippen wollen und wir sie zur├╝ckdr├Ąngen und durch Gleichg├╝ltiges ersetzen? Wir glauben, es sei ein Zeichen von Reife und Klugheit, wenn wir uns sachlich und unsentimental geben, aber der Versuch, ohne das Gef├╝hl auszukommen, ist nichts anderes, als wollte man in einer Welt ohne Blumen, ohne Musik und ohne w├Ąrmendes Feuer leben.

Gef├╝hl haben hei├čt empf├Ąnglich sein. Halten wir uns einmal vor Augen, wieviel von dem, was das Leben lebenswert macht, gerade darin seinen Ursprung hat. Es ist diese Empf├Ąnglichkeit, die uns Bekannten und Nachbarn die Hand reichen, uns den Kreis unserer Freunde erweitern l├Ąsst, der Menschen, um die wir uns k├╝mmern.

Vor ein paar Jahren erlebten einige Medizinstudenten, die an einer Kinderklinik ihre praktische Ausbildung machten, dass die Kinder einen unter ihnen besonders gern hatten. Immer begr├╝├čten sie ihn voller Freude. Die anderen konnten sich nicht denken, weshalb. Schlie├člich verabredeten sie, dass einer dem jungen Mann folgen und herausfinden solle, warum sich die Kinder so zu ihm hingezogen f├╝hlten. Dem Beobachter fiel den ganzen Tag nichts Besonderes auf, doch als der junge Mediziner am Abend die letzte Runde machte, da l├Âste sich das R├Ątsel: er sagte jedem Kind pers├Ânlich gute Nacht.

Vielleicht ist die Kultur ihren gro├čen Liebenden und ihren Dichtern mehr zu Dank verpflichtet als ihren Staatsm├Ąnnern; denn jene sind es, die das Ewigmenschliche lebendig erhalten – das Einf├╝hlen und Mitf├╝hlen, das die Br├╝cken schl├Ągt ├╝ber alles Trennende zwischen Rassen und Sprachen und alten Hass ├╝berwindet.

Fast hinter jedem Fortschritt, der dem Wohl der Menschheit dient, steht ein gef├╝hlsbedingter Beweggrund. Frederick Banting, der Entdecker des Insulins, wuchs auf einer Farm in Kanada auf. Er hatte eine Spielgef├Ąhrtin, an der er sehr hing. Janie und er spielten zusammen Hockey und Baseball, sie fuhren Schlittschuh, liefen um die Wette und kletterten auf die h├Âchsten B├Ąume. Dann kam ein Sommer, da Janie bei all diesen Spielen auf einmal nicht mehr mitmachen konnte. Und dann starb sie – weil sie „Zucker im Blut“ hatte. Banting konnte sie nie vergessen. Sp├Ąter studierte er Medizin, und heute d├╝rfen Millionen Zuckerkranke am Leben bleiben, weil er mit seinem Herzen bei Janie war.

Einmal fragte Eleanor Roosevelt Bernard Baruch um Rat, als sie vor einer schwierigen Entscheidung stand. „Mein Verstand sagt ja, aber mein Herz ist dagegen.“ „Wer im Zweifel ist, folge seinem Herzen, nicht seinem Verstand“, lautete Baruchs Ratschlag. „Wenn Sie einen Irrtum des Herzens begehen, leiden Sie nicht so darunter.“

Wenn gro├če Menschen sich nicht vor dem Gef├╝hl scheuen – warum tun wir es dann? Ich glaube, weil wir dazu erzogen sind, unser Leben in K├Ąmmerchen einzuteilen. Das Gef├╝hl geh├Ârt nicht ins Gesch├Ąftsleben, hei├čt es, und es geh├Ârt nicht in die Bereiche der Wissenschaft.

Das Gef├╝hl aus dem Spiel zu lassen wird uns mit den Jahren zur zweiten Natur. „Es gibt kein Kind, das herzenskalt geboren w├╝rde“, schrieb Lin Yutan. Gef├╝hlsarmut trifft man erst beim Erwachsenen, und – welches Missverst├Ąndnis – bei ihm wird sie oft mit geistiger Reife verwechselt.

Welch ein Armutszeugnis f├╝r unsere Reife, wenn wir vors├Ątzlich in uns ersticken wollen, was das W├Ąrmste und Beste ist! Und der Lohn unserer weltklugen N├╝chternheit ist mager – denn der Mangel an Gef├╝hl macht uns weniger objektiv und klug als vielmehr herzeiskalt, erlebnisunf├Ąhig und ├Ąngstlich.

Wie aber k├Ânnen wir das Gef├╝hl in uns lebendig erhalten? Wie k├Ânnen wir diese Gabe wieder erlangen, wenn wir sie scheinbar verloren haben?

Als erstes sollten wir uns ├╝ber uns selbst Rechenschaft ablegen. Es gibt so viele Beweggr├╝nde hinter unserer Scheu vor dem Gef├╝hl. Wenn Sie wieder einmal einem warmherzigen, gro├čm├╝tigem, sentimentalen Impuls widerstehen, fragen Sie sich: „Wovor sch├╝tze ich mich denn eigentlich, und warum? Ist es ehrliche ├ťberzeugung, die mich leitet, oder nur der Wunsch, als n├╝chtern denkender Mensch zu gelten? Oder die Angst missverstanden zu werden?“

Wenn wir uns die Frage einmal ehrlich beantwortet haben, werden wir manche falsche Furcht von uns absch├╝tteln. Gewiss sollte man sich davor h├╝ten ├╝berschw├Ąnglich zu werden, etwas zu sagen, was man gar nicht so meint. Aber noch wichtiger ist es, den berechnenden Verstand, das unselige Misstrauen einzud├Ąmmen und sein Herz den sch├Ânen und ergreifenden Dingen des Lebens zu ├Âffnen.

Vielleicht ist unser gr├Â├čtes Hemmnis auf diesem Weg der Mangel an Mu├če. Das Gef├╝hl kann nicht gedeihen, wenn man immerzu gehetzt ist und auf die Uhr schauen muss. Nichts bereichert unser Leben mehr, als wenn wir uns ganz bewusst Zeit nehmen f├╝r jene Dinge, die keinen „absehbaren praktischen Wert“ haben. Es sind die Kleinigkeiten, in denen sich das Gef├╝hl am sch├Ânsten offenbart. Der spontane Brief, den wir an einen Freund schreiben, obwohl wir ihn gerade erst gesehen haben, das Geschenk, das wir jemandem machen, ganz einfach „weil mich das an dich erinnert“.

Gerade weil sie das Herz haben, sich zum Gef├╝hl zu bekennen, finden gro├če Menschen auch die Zeit daf├╝r.

Denn Zeit hat man immer. Wie man sie n├╝tzt, darauf kommt es an.

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Ich w├╝nsche mir von Herzen, dass wir alle den Mut zum Ausdruck unserer Gef├╝hle zu jederzeit finden k├Ânnen und hoffe, dass Dir diese Reise in die Vergangenheit auch heute noch von Nutzen sein kann.

Eine herzliche Umarmung! Sch├Ân, dass es Dich gibt!